Schützentradition in Zella-Mehlis

Die Zella-Mehliser Waffen- und Schützentradition

Auszüge aus der Stadt- und Vereinschronik

9. Jahrhundert
Im 9. Jahrhundert wurden viele Orte in Südthüringen gegründet. Mehlis ist eine dieser alten Ansiedlungen (wahrscheinlich 841 gegründet). Die Bewohner lebten von der Viehzucht, der Waldwirtschaft, karger Landwirtschaft und von Vorspanndiensten bei Transporten über den Thüringer Wald. Durch den Ort führen uralte Wege Richtung Gebirgskamm (Rennsteig).

12. Jahrhundert
Anfang des 12. Jahrhunderts begann im Mehliser Talkessel die Suche nach Eisenerz. Es entwickelte sich rasch ein umfangreicher Bergbau mit den dazugehörigen Schmelzöfen, Hammerwerken und Schmieden. Mehrere Jahrhunderte wurden Eisen und andere Erze gefördert. Die Blütezeit des Bergbaus war im 16. Jahrhundert. Nachdem die Vorräte erschöpft waren, wurde bereits Mitte des 17. Jahrhunderts Eisenstein eingeführt. Die Metallverarbeitung (Werkzeuge, Waffen und sonstige Eisenteile) hatte sich aber bereits umfangreich etabliert.

14. Mai 1112
Am 14. Mai 1112 wurde die Gründung des Klosters Zella St. Blasii vom Bischof aus Würzburg bestätigt. Das Kloster erhielt umfangreiche Ländereien und Rechte zur Wald-, Feld- und Wassernutzung.

14. Jahrhundert
Im Raum Nürnberg und Augsburg wurden erste Feuerwaffen (sogenannte „Donnerbüchsen“) hergestellt. Handwerker aus dieser Region wanderten später in den Raum Mehlis, Zella St. Blasii und Suhl (urkundliche Erwähnung seit 1318) ein.

15. Jahrhundert
In der Region wurden erste wehrhafte Mannschaften mit Feuerwaffen ausgerüstet. Es entstanden die ersten „Schützengilden“. 1475 haben sich bereits Schützen aus Mehlis an einem Wettschießen in Schleusingen beteiligt.

16. Jahrhundert
Um 1535 soll die Schusswaffenherstellung in Mehlis begonnen haben. Es wurden erste militärische Feuerwaffen gefertigt (Ausstellungsstücke im Stadtmuseum).

1526
In Urkunden des Amtes Schwarzwald wurde der Bestand einer Mehliser „Schützengilde“ dokumentiert. Das ist der nachweisbare Beginn der Zella-Mehliser Schützentradition.

17. Jahrhundert
Nach jahrelangen und heftigen Innungsstreitigkeiten mit den Suhler Waffenherstellern (seit 1593) wurde 1605 in Mehlis und Zella St. Blasii eine eigene Zunft der Rohrschmiede gegründet. Im 30-jährigen Krieg verhinderten die wehrhaften Mehliser Schützen mehrfach Plünderungen im Ort. Um 1640 wurden die Schützengilden vom Herzog sogar als „Defensionen und Landmilizen“ militärischen Oberbefehlen unterstellt.

18. Jahrhundert
Die Feuerwaffenproduktion entwickelte sich in dieser Zeit zum Haupterwerbszweig der Mehliser und Zellaer Handwerker (bis ca. 40.000 Rohre pro Jahr). In Zella St. Bl. wurde 1704 ebenfalls eine „Schützenkompanie“ gegründet.

24.07.1709
Am 24. Juli erhielten die Mehliser und Zellaer Schützen gemeinsam das „Privileg“ (Regelwerk) vom damaligen Herzog.
Es wurden Schießanlagen (z.B. Schützenhof Mehlis) gebaut und aus den „Schützengilden“ entwickelten sich „Schützenvereine“ mit „wehrhaften Mannschaften“ zur Ortsverteidigung.

19. Jahrhundert
Die Schießanlagen wurden ständig erweitert. Schützenfeste und Wettkämpfe wurden zur Traditionen.

1856
Eine der ersten größeren Waffenfabriken im Ort wurde von J. G. Anschütz als „Germania-Waffenwerk“ in Mehlis gegründet.

1861
Der aus Zella St. Blasii stammende G. A. Sterzing (1822-1889) wurde zum Mitbegründer des Deutschen Schützenbundes und für drei Jahrzehnte dessen erster Vorsitzender.

1861
Die Großbetriebe des Zellaer Industriellen Heinrich Ehrhardt in Zella (drei Werke), Düsseldorf (Fa. Rheinmetall) und Sömmerda (ehem. Fa. Dreyse) gehörten zu den wichtigsten Rüstungsbetrieben in Deutschland.

1886
Carl Walther gründete in Zella St. Bl. die noch heute bekannten „Walther-Waffenwerke“.

1891
Von 1891 bis 1921 wurden in Zella-Mehlis 14 Schützenvereine neu gegründet. Regionale und überregionale Schießwettkämpfe fanden fortan ständig statt. Die Schützenfeste wurden zu den kulturellen Höhepunkten im Leben der Einwohner.

1893
Am 1. April 1893 wurde für Mehlis und Zella eine eigene „Beschussanstalt“ in Betrieb genommen. In den folgenden 49 Jahren (bis 1942) wurden in diesem Gebäude über 16 Millionen Waffen beschossen.

1894
Mehlis erhielt am 09. März 1894 das Stadtrecht.

1919
Zella St. Bl. und Mehlis schlossen sich aus wirtschaftlichen Gründen am 1. April 1919 zur Stadt Zella-Mehlis zusammen.

1922
Bis 1942 kamen aus Zella-Mehliser Schützenvereinen 21 Deutsche Meister im Sportschießen. Mit dem Bau des Thüringen-Schießstandes wurde begonnen.

1924
Zwanzig Jahre lang (bis 1944) bildete Zella-Mehlis einen eigenen Stadtkreis (Kreisfreiheit).

1925
Im neugebauten Rathaus wurde ein umfangreiches Museum mit Zella-Mehliser Waffen aus mehreren Jahrhunderten eingerichtet. Es wurde später aus Platzgründen in ein Schulgebäude (sog. „Hügelschule“) verlagert.

1926
Die Deutschen Meisterschaften im Pistolenschießen fanden erstmals in Zella-Mehlis statt. Es folgten weitere DM 1932, 1935 und 1937.

1927
Lothar Walther (ein Sohn von Carl Walther) wurde Dritter bei der Schieß- Weltmeisterschaft.

1929
In Zella-Mehlis gab es mittlerweile 19 Schützenvereine.

In diesem Jahr produzierte die Firma Walther erstmals die legendäre Pistole PP (Polizei-Pistole). Die PPK folgte 1931, die P.38 im Jahre 1938).

1932
Zum zweiten Mal fand eine Deutsche Meisterschaft im Pistolenschießen in Zella-Mehlis statt.

1933
In den Folgejahren nahmen Erich Krempel und Erich Spörer (Weltrekordler) mehrfach an Weltmeisterschaften teil und errangen fordere Plätze.

1935
Direkt neben dem Thüringen-Schießstand wurde mit dem Bau einer Schießschule begonnen.

1936
Bis 1939 wurde der Thüringen-Schießstand umgebaut und erweitert.

Erich Krempel errang eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Berlin.

1939
Erich Krempel wurde Weltmeister (Freie Pistole). Er war auch 14 mal Deutscher Meister.

1941
Die Priv. Schützengesellschaft verkaufte den Thüringen-Schießstand an die Stadt Zella-Mehlis.

1942
Die neue Beschussanstalt übernahm den gesamten Waffenbeschuss und sollte auch die Suhler Waffen mit prüfen. Das erfolgte ab 1944.

1944
Im 2. Weltkrieg wurde die „Waffenschmiede“ Zella-Mehlis von den Alliierten nicht bombardiert. Offensichtlich war zum Kriegsende die technologische Ausbeute in den Zella-Mehliser Waffenfabriken für die Sieger nützlicher als die Zerstörung der Produktionsstätten.

1945
Am 4. April wurde Zella-Mehlis von der US-Armee besetzt (bis 1. Juli 1945).

Jegliche Waffenproduktion und der Beschuss wurden eingestellt.
Sämtliche Waffen, Ferngläser, Fotoapparate und Radios mussten bei den Amerikanern abgegeben werden.
Das Vereinswesen existierte nicht mehr.
Alle führenden Waffenfabrikanten zogen mit ihren Familien bis Juni in die künftige amerikanische Besatzungszone.

Am 1. Juli verließen die Amerikaner die Stadt.
Die Ausstellungsstücke des Museums waren größtenteils nicht mehr vorhanden.

Am 3. Juli rückten sowjetische Truppen ein.

In den Thüringen Schießstand zog ein Holzverarbeitungsbetrieb ein. Das Obergeschoss diente als Wohnung für Flüchtlinge.
Alle Produktionsmittel für die Waffenherstellung wurden vernichtet.
Es begann die Demontage der Produktionsanlagen als Reparationsleistungen.

In allen Betrieben begann langsam wieder die Produktion ausschließlich ziviler Produkte.

1947
Nach Kriegsende erfolgten Enteignungsverfahren durch die alliierten Siegermächte gegen die deutschen Rüstungsbetriebe. Das betraf in Zella-Mehlis viele Firmen.
Als einziger Großbetrieb wurden die Walther-Werke (vor 1945 NS-Musterbetrieb) teilweise gesprengt. Man hatte ermittelt, dass die Gebrüder Walther im KZ-Neuengamme bei Hamburg eine zusätzliche Waffenproduktion betrieben hatten.

1949
Nach der Gründung der DDR (7. Oktober 1949) gab es keine Vereine mehr. Sie wurden als reaktionäre Keimzellen betrachtet.
Das Schützenhaus in Mehlis erhielt die Bezeichnung „Haus des Volkes“ und diente als Kulturhaus für die Stadt und für die Versorgung der Urlauber. Die ehemaligen Schießstände wurden abgerissen oder verfielen.
Der Zellaer Schützenhof wurde eine Außenstelle der Luther-Schule.
Die Schießschule übernahmen nacheinander verschiede Firmen und die Bezirksdirektion für Straßenwesen als Winterdienststützpunkt. Beide Beschussanstalten wurden an Betriebe übergeben.

1952
Am 7. August wurde die „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST) gegründet.
Der Thüringen-Schießstand wurde Sitz des Kreisvorstandes der GST und diente wieder dem sportlichen Schießen, später auch der sogenannten vormilitärischen Ausbildung.

Mitglieder der nun entstandenen Grundorganisation der GST errangen in den Folgejahren beachtliche schießsportliche Erfolge. Richard Greiner wurde mehrfach DDR-Meister und die Nationalmannschaft der DDR wurde 1966 Weltmeister mit Weltrekord mit Gewehren von Erich Krempel.

1953
Seit dem ersten James-Bond Film (1953 / „Casino Royal“) wurde der berühmte Filmheld mit der legendären Walther-Pistole „PPK“, die in Zella-Mehlis entwickelt wurde, ausgerüstet. Seit 1997 benutzt James Bond eine „Walther P 99“.

1973
Der ehemalige Mehliser Schützenhof brannte in einer Winternacht komplett ab.
Der folgende Ersatzneubau wurde ein ansprechendes Kulturhaus und nach 1990 ein Meeresaquarium.

1990
Nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD durften wieder Vereine gegründet werden.
Am 18. April fand die Gründungsversammlung für die „Schützenvereinigung“ und am 3. Mai die Gründung des „Schützenklubs 1891“ statt.
Beide Vereine wurden Mitglieder im ebenfalls neu entstandenen „Thüringer Schützenbund“.

1992
Die Stadtverordnetenversammlung von Zella-Mehlis beschloss eine Museumskonzeption, die den Erhalt der Gesenkschmiede und der alten Beschussanstalt als Museen beinhaltet.
Unmittelbar danach durfte die Stadt beide Immobilien für erhebliche Geldbeträge von der mittlerweile eingerichteten sogenannten „Treuhandanstalt“ abkaufen.
Beide Vorhaben wurden zwischenzeitlich verwirklicht. Die Museen können besichtigt werden.

1993
Die beiden Zella-Mehliser Schützenvereine schlossen sich zum Verein „Schützenvereinigung-Schützenklub Zella-Mehlis 1891 e.V. “ zusammen und die Stadt übergab ein Jahr später den Thüringen-Schießstand an diese Schützenvereinigung.

In den Folgejahren wurden bereits wieder beachtliche sportliche Erfolge im Schießsport erzielt.
Auch freundschaftliche Beziehungen zu Schützenvereinen in den Nachbarorten und in Waldaschaff (Bayern) und Andernach (Rheinland-Pfalz) wurden aufgebaut.

1994
Der Zellaer Schützenhof wurde von der Treuhand verkauft und abgerissen. Eine Baustofffirma errichtete auf dem Grundstück ein Betriebsgebäude.

Stand 11 / 2014

Quellen
Stadtarchiv Zella-Mehlis
Archiv Stadtmuseum Zella-Mehlis
Archiv SVSK Z-M 1891 e. V.

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